Bericht zum Treffen der Alpinen- und Staudengärtner im Botanischen Garten Graz 2024
30. Juni 2024

Foto: M. Marzke
Vom 26.-29. Juni 2024 haben unsere Gärtnermeisterin Sara Thomsen und unser Gärtner Mirko Marzke an der Tagung der Alpinen- und Staudengärtner im Verband Botanischer Gärten teilgenommen. Tagungsort war der Botanische Garten der Universität Graz in Österreich (insgesamt 37 Kollegen aus 18 Gärten).
Text und Fotos: Mirko Marzke

Graz, Hauptstadt des Bundeslandes Steiermark und zweitgrößte Stadt Österreichs mit faszinierender Altstadt (UNESCO Weltkulturerbe) und kontrastierenden , futuristischen Bauwerken, liegt auf 365 Metern Höhe am Süd-Ost-Rand der Alpen im sogenannten (sub-)illyrischen Klimabereich, einem Übergangsbereich zwischen Alpenklima, pannonischem Steppenklima und mediterranem Klima. Dieser zeichnet sich durch milde Winter und warme Sommer und einer entsprechenden Vegetation aus (teilweise Vorkommen submediterraner Arten wie Flaumeiche, Hopfenbuche und Perückenstrauch).
Das Tagungsprogramm bestand aus Vorträgen („Der Botanische Garten Graz“, Jonathan Wilfling, Technischer Leiter; “Die Pflanzenwelt der Steiermark“, Dr. Christian Berg, ehemaliger wissenschaftlicher Leiter) und Themenführungen im Botanischen Garten am ersten Tag sowie aus einer Exkursion in die steirischen Alpen und einem Besuch des Wüstengartens Gußmagg am zweiten und dritten Tag.
Botanischer, gestalterischer und architektonischer Fixpunkt des über 200 Jahre alten und mit 2,8 Hektar Fläche relativ kleinen Botanischen Gartens (ca. 6500 Arten) sind die modernen Schaugewächshäuser mit vorgelagertem Mittelmeergarten. Weitere Schwerpunkte sind das Alpinum, das große Teile des Gartens einnehmende Arboretum, sowie das historische Glashaus von 1889. Eine räumliche Fassung erhält der Garten durch zwei attraktive, villenartige, ebenfalls historische Institutsgebäude.
Die 1570 Quadratmeter großen, modernen Gewächshäuser von 1995 gliedern sich in 4 Klimabereiche. Mit einem schräg aus dem Boden aufsteigenden Tropenhaus, gerundeten Dächern und schrägen Seitenwänden sind sie architektonisch sehr reizvoll. Nachteilig ist jedoch, dass sich große Gehölze aufgrund dieser Form im Inneren nicht genügend ausbreiten können. Für den Besucher wird die Pflanzenwelt durch Baumwipfelpfade zu einem spannenden Erlebnis.

Im Gegensatz zu den neuen Gewächshäusern wird das historische Glashaus heute größtenteils für Veranstaltungen genutzt.
Das Alpinum gliedert sich in einen europäischen sowie einen amerikanischen und einen asiatischen Teil. Pflanzen der Kalkalpen lassen sich im Botanischen Garten relativ gut kultivieren, da sie durch ihre Anpassung an das poröse, wasserdurchlässige Kalkgestein einigermaßen gut mit Wärme und Trockenheit zurechtkommen. Pflanzen der Zentralalpen lassen sich in Graz aufgrund der klimawandelbedingten zunehmenden Wärme hingegen kaum noch kultivieren. Pflanzen der Zentralalpen sind an kühle Nächte mit Taubildung angepasst. Ein botanisches Highlight im Alpinum ist Gypsophila aretioides, eine polsterförmig wachsende Schleierkrautart aus dem Iran.
Ein absonniger bis halbschattiger, wiesenartiger Unterwuchs bildet die Krautschicht des Arboretums, in der im Frühjahr eine Fülle von Geophyten blüht. Zu den Besonderheiten zählen wärmeliebende, in der Steiermark beheimatete Arten wie Isopyrum thalictroides, Erythronium dens-canis und Helleborus dumetorum.
Aufgrund ihres Alters, des begrenzten Raumes und des Klimawandels nimmt die Vitalität vieler Bäume ab.

Eine botanische Exkursion führte uns am zweiten Tagungstag an den Rand des obersteirischen Hochschwab-Massivs (2277 m), einem Bergstock der Nördlichen Kalkalpen. Auf einer Wanderung lernten wir die Vegetation hochmontaner Weiderasen auf der Aflenzer Bürgeralm (1550 m) und alpiner Kalkfelsrasen auf dem Gipfel des Höchstein (1741 m) kennen.
Aufgrund der teilweisen Auswaschung des Kalks aus dem Almboden (Kalkbraunerde / Terra Fusca) und der Humusanreicherung in der Oberschicht kommen in den Weiderasen sowohl kalkaffine (z.B. Dianthus alpinus) wie saure Böden benötigende Arten (z.B. Arnica montana) vor. Zahlreiche Orchideenarten sind anzutreffen, ebenso die Mondraute (Botrychium lunaria), ein Zwergfarn mit eigenartigem, in einen sterilen und einen fertilen Teil gegliedertem Laub. Am Rande und innerhalb der Almflächen finden sich eindrucksvolle, teils beweidete Lärchenbestände (Lärchwiesen).
Auf dem felsigen, sonnen- und windexponierten, aus der Distanz scheinbar unwirtlichen Höchstein konnten wir eine Fülle kalkliebender, an die extremen Lebensbedingungen angepasster Arten beobachten. Viele von ihnen waren Ende Juni in Blüte, darunter Potentilla clusiana, Achillea clavenae und Leontopodium alpinum, das Edelweiß.
Nur unwesentlich tiefer liegend schloss sich an die Felskuppe ein ganz anderer Lebensraum an: eine feuchte Wiese, dessen Vegetationsbild von einem Massenvorkommen blühender Trollblumen (Trollius europaeus) geprägt war.
Leider ist vielen Bergwäldern eine starke forstwirtschaftliche Nutzung anzusehen. Rechteckige Kahlschläge ergeben vielerorts ein rasterartiges Waldbild. Ein wesentlicher Grund dafür ist der in der Steiermark überdurchschnittlich hohe Anteil an Privatwald. Zusätzlich wird von der EU der Ausbau von Forststraßen gefördert.

Am dritten Tag besuchten wir schließlich den im Grazer Umland gelegenen Wüstengarten Gußmagg. In eine von Wald und Weinbau geprägte Hügellandschaft gebettet beherbergt dieser Privatgarten eine Fülle trockenheitsliebender Pflanzenarten aus allen Kontinenten, darunter Yucca-, Agaven- und Kakteenarten aus Nordamerika, Delosperma aus Afrika, Callistemon aus Australien, Onosma aus Asien sowie Cistus aus Europa.
Als Substrat dient ein Schottergemisch aus Urgestein, welchem für die Kakteenbereiche noch Splitt beigefügt wurde. Kakteen erhalten eine Schicht von 30cm Stärke, die anderen Flächen eine Abdeckung von 10 cm über einem Verwitterungsboden über Urgestein (pH 6,5).
Nach anfänglichen Jahren mit Schutz vor Winternässe erhält heute nur noch Agave victoriae-reginae eine winterliche Abdeckung!
Die Tagungen der Alpinen- und Staudengärtner finden jährlich in einem anderen Botanischen Garten statt, in der Regel in Deutschland, seltener in Österreich oder der Schweiz. Sie dienen dem fachlichen Austausch und der Schaffung von Kontakten. Man erkennt, dass auch andere Gärten vor zahlreichen Herausforderungen stehen. Die Treffen machen viel Freude und sind sehr zu empfehlen.